Hilfsnavigation

Webseite durchsuchen

Foto: Bernd Höfer, Breklum

Kreishaus in der Marktstraße in Husum

05.04.2019

Bildungsforum NF fordert Änderungen der Bildungspolitik

Vor 30 Jahren konnte praktisch jeder Grundschüler eine Minute lang auf einem Bein stehen, heute kippen viele nach wenigen Sekunden um. Aufgrund alarmierender Entwicklungen dieser Art lud der Kreis Nordfriesland am 25. März 2019 zum ersten kreisweiten Bildungsforum in die Husumer Berufsschule ein.

Rund 150 Teilnehmende aus den Bereichen Kitas, Schulen, Kommunalpolitik und Verwaltung diskutierten intensiv über den Übergang zwischen Kita und Schule. Im Mittelpunkt stand die Frage, was Kinder können müssen, um für die Grundschule gerüstet zu sein.

»Viele siebenjährige Kinder wissen in der Theorie, wie man einen Besen herstellt, weil sie das im Fernsehen gesehen haben. Doch sie haben noch nie selbst einen Besen benutzt, so dass ihnen die körperliche Erfahrung fehlt«, erklärt Birte Überleer, die Koordinatorin des Bildungsforums im Jugendamt der Kreisverwaltung.

Toben macht schlau

Sie betont, dass die Fachleute sich einig sind: Wenn Kinder ihren Körper nicht so gut beherrschen, dass sie bei der Einschulung das Hüpfspiel Hinkepott spielen, rückwärts laufen, auf einem Balken balancieren oder Tick spielen können, ohne regelmäßig gegen Wände zu prallen, haben sie es deutlich schwerer, Lesen, Schreiben und Rechnen zu lernen.

»Begreifen« kommt von »greifen«

Der Grund sind automatisch entstehende Verknüpfungen im menschlichen Gehirn zwischen körperlichen und geistigen Fähigkeiten. Dieser Zusammenhang zeigt sich beispielsweise in dem Wort »begreifen«, das sich auf das Gehirn bezieht, aber mit »greifen« eigentlich eine körperliche Tätigkeit beschreibt.

Bildungssystem reagiert kaum

Die Folge: Wer nicht früh im Leben rückwärts zu laufen lernt, kann sich oft auch später in der weiterführenden Schule nicht vorstellen, wo der Unterschied zwischen positiven und negativen Zahlen liegt – und wird stets Probleme im Mathematikunterricht haben. Obwohl all dies seit 20 Jahren bekannt ist, reagiert das deutsche Bildungssystem kaum auf die Erkenntnisse.

Bewegung und Erlebnisse in der Natur fördern

»In unserer Veranstaltung wurde klar, dass Erzieherinnen in Kitas und Lehrkräfte in Schulen diese Zusammenhänge und Probleme täglich vor Augen haben. Trotzdem sind sie gezwungen, die Vorgaben der Bildungspolitik zu erfüllen, die darauf keinerlei Rücksicht nehmen. Die Politik setzt einen Schwerpunkt auf die möglichst weitgehende Digitalisierung, doch als Fundament muss zunächst die motorische und kognitive Entwicklung der Kinder unterstützt werden. Als Gesellschaft wären wir klug beraten, Bewegung, Erlebnisse in der Natur, gemeinsames Spielen und die eigenständige Schaffensfreude der Kinder zu fördern«, unterstreicht der stellvertretende Landrat Florian Lorenzen, der sich gemeinsam mit zahlreichen weiteren Kreistagsabgeordneten an dem Forum beteiligte.

Die Digitalisierung drohe zu scheitern, weil die Gehirne vieler Kinder nicht ausreichend verknüpft sein werden.

Ein Hauptgrund für Fachkräftemangel im Handwerk

Im Bildungsforum berichteten Lehrkräfte von 16-jährigen Schülern, die noch nie einen Hammer in der Hand hatten. Viele Eltern legen größten Wert darauf, dass ihr Kind später an einer Universität studiert, obwohl viele Handwerker mehr verdienen als viele Akademiker. Dies sei einer der Hauptgründe für den Fachkräftemangel im Handwerk, stellt Birte Überleer fest.

Nächste Schritte in Vorbereitung

»Im Bildungsforum bestand Einigkeit, dass wir uns als kommunale Verantwortungsgemeinschaft verstehen müssen. Dazu gehören Lehrkräfte, Erzieher, Eltern, Schulträger, die Kommunalpolitik und natürlich auch die Kinder«, fasst Florian Lorenzen zusammen. Im Mai treffen sich mehrere Teilnehmer des Forums, um die nächsten Schritte zu besprechen. Arbeitsgemeinschaften könnten einzelne Themen vertiefen.

Ziel ist es, glasklare Positionen zu formulieren, die anschließend dem nordfriesischen Kreistag vorgelegt werden.