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Foto: Bernd Höfer, Breklum

Kreishaus in der Marktstraße in Husum

14.09.2015

Flüchtlingswelle: Die Hilfsbereitschaft ist riesengroß, aber die Belastung auch

Am 29. Mai 2015 ernannte der nordfriesische Kreistag Peter Martensen zum Beauftragten für die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund. Sein Auftrag lautet, die zahlreichen Akteure stärker zu vernetzen, zu beraten und Planungen zur Integration insbesondere von Asylbewerberinnen und Asylbewerbern weiter voranzutreiben.

Doch für große Konzepte bleibt Martensen wenig Zeit. Weil die Flüchtlingswelle alles andere überlagert, eilt er im gesamten Kreisgebiet von Sitzung zu Sitzung, besucht politische Gremien und Runde Tische. »Die Hilfsbereitschaft ist riesengroß, aber die Belastung auch. Wir brauchen in der Fläche dringend mehr hauptamtliche Asylbetreuer«, fasst er seine Beobachtungen zusammen.

60 bis 80 Flüchtlinge pro Woche

Jahrelang trafen immer dienstags neue Flüchtlinge im Husumer Kreishaus ein, die das Landesamt für Migration und Flüchtlinge dem Kreis Nordfriesland zuwies. Im Jahr 2010 kamen 62 Menschen an, 2011 waren es 68. Doch die Zahlen stiegen auf 117 (2012), 219 (2013), 424 (2014) – und 2015 werden es mehr als 1.200 werden.

Mittlerweile stehen fast täglich Neuankömmlinge in der Husumer Marktstraße. Und das Ende der Fahnenstange ist noch nicht erreicht: Ab Mitte September wird das Landesamt dem Kreis Nordfriesland statt bisher 30 dann 60 bis 80 Personen wöchentlich zuweisen.

Mit zehn Tagen Vorlauf erfährt die Ausländerbehörde im Kreishaus, wie viele Menschen kommen, wie sie heißen und aus welchen Ländern sie stammen. Die Erstaufnahmeeinrichtung des Landes in Neumünster ist so überlastet, dass die Neuzugänge zum Teil bereits auf die Kreise und kreisfreien Städte verteilt werden, bevor sie einen Asylantrag stellen konnten. Das muss dann später – vor Ort in Neumünster – nachgeholt werden.

Registrierung und Verteilung auf die Ämter

Nach der Registrierung in der Ausländerbehörde und einem Gespräch in der Migrationssozialberatung – Peter Martensens früherem Arbeitsplatz – werden die Flüchtlinge nach einem quotalen System auf die acht Ämter im Kreisgebiet verteilt. Nur wenige können ein paar Tage in der überlasteten Asylbewerber-Gemeinschaftsunterkunft des Kreises in Niebüll verbringen.

In den Ämtern werden sie von Mitarbeitern der örtlichen Ordnungsämter und der Sozialzentren empfangen. Sie bringen sie in eine meist vom Amt angemietete und mit gebrauchten Möbeln ausgestattete Wohnung. Danach begleiten sie oder die von den Ämtern angestellten hauptamtlichen Asylbetreuer die Neuzugänge zum jeweiligen Sozialzentrum.

Hier erhalten sie Sozialleistungen nach dem Asylbewerber-Leistungsgesetz des Bundes. Die Höhe entspricht dem Arbeitslosengeld II abzüglich zehn Prozent, also 359 Euro pro Monat für einen alleinstehenden Mann und 1.080 Euro für eine vierköpfige Familie mit zwei kleinen Kindern.

Die Kommunikation verläuft meist in englischer Sprache, oft unter Zuhilfenahme von Händen und Füßen. Kreis und Sozialzentren haben daneben einen Dolmetscherpool aufgebaut, zu dem Migranten gehören, die bereits erste Deutschkenntnisse erworben haben und ihren Landsleuten bei Behördengängen und Arztbesuchen zur Seite stehen.

Umfangreiche Betreuung vor Ort

»Die Kollegen aus den Ordnungsämtern und Sozialzentren, aber auch die Asylbetreuer sind durch die Bank sehr flexibel und kümmern sich vorbildlich um die sehr unterschiedlichen Sorgen und Nöte der Flüchtlinge«, lobt Peter Martensen.

Aufgabe der meist in Teilzeit arbeitenden Asylbetreuer ist es, eine unterstützende Nachbarschaft zu organisieren. Dazu gehört es etwa, die Neuen beim ersten Einkauf zu begleiten, ihnen das Gesundheits- und das Schulsystem zu erklären oder sie in Kontakt mit dem örtlichen Sportverein oder der Feuerwehr zu bringen. »Je mehr Kontakt sie zur einheimischen Bevölkerung haben, desto eher klappt es mit der Integration«, weiß Martensen.

Alle Asylbetreuer haben sich ein Netzwerk von Bürgern aufgebaut, die den Flüchtlingen in ehrenamtlicher Arbeit helfen, sich zurechtzufinden und einige der beschriebenen Aufgaben übernehmen oder Sprachkenntnisse vermitteln. Auch die deutsche Art der akribischen Mülltrennung wirft immer wieder Fragen auf.

Ehrenamt kann Hauptamt ergänzen, aber nicht ersetzen

»Im Vergleich zu anderen Kreisen sind unsere Strukturen bereits gut, aber die Zahl der hauptamtlichen Betreuer reicht mittlerweile trotzdem nicht mehr aus«, stellt Peter Martensen fest. Mehr Tätigkeiten auf Ehrenamtliche zu übertragen, kann die Probleme seiner Einschätzung nach nicht lösen: Wenn zehn Personen in einem Haus untergebracht seien und es dort etwa zu Konflikten zwischen verschiedenen Nationalitäten komme, müsse es hauptamtliche Ansprechpartner mit einschlägiger Ausbildung geben.

»Insbesondere Sozialpädagogen haben gelernt, mit solchen Situationen fertig zu werden. Zumindest sollte man aber auf langjährige Erfahrungen zurückgreifen können«, sagt Martensen. Auch dauerhaft erforderlich Fahrdienste dürfe man nicht dem Ehrenamt aufbürden.

Trotzdem steige nach wie vor der Bedarf an Deutschen, die die Asylbewerber in behördlichen, finanziellen und schulischen Angelegenheiten unterstützen möchten.

Genügend Geld ist vorhanden

Am Geld sollte die Verstärkung der hauptamtlichen Asylbetreuer nicht scheitern: Bisher stellte das Land 95 Euro pro Flüchtling im Quartal zur Verfügung, seit Anfang Juli wurde umgestellt auf eine einmalige Betreuungskostenpauschale in Höhe von 900 Euro pro Person. Davon lässt sich das erforderliche Personal finanzieren.

Arbeit und Ausbildung

Asylbewerber dürfen, unabhängig vom Bearbeitungsstand ihres Asylverfahrens, nach dreimonatigem Aufenthalt eine Arbeit aufnehmen, wenn kein Deutscher oder »bevorrechtigter Ausländer«, also vor allem EU-Bürger, zur Verfügung steht. Erst nach 15 Monaten entfällt die Vorrangprüfung. »Der Kreis wird sich verstärkt darum kümmern, Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt zu bringen«, kündigt Landrat Dieter Harrsen an. »Auch Arbeit, und sei sie anfangs gemeinnützig, trägt zur Integration bei.«

Was wenig bekannt ist: Ein Asylbewerber, der einen Ausbildungsplatz findet und seit drei Monaten im Lande ist, benötigt lediglich eine Erlaubnis der Ausländerbehörde. Eine Vorrangprüfung gibt es dabei nicht. Allerdings setzt die Teilnahme an der Berufsschule ausreichende Deutschkenntnisse voraus.

Einem ehrenamtlichen Engagement von Asylbewerbern wiederum stehen überhaupt keine Hindernisse im Weg, etwa in der Feuerwehr oder im Sportverein.

Anspruch auf Deutschkurse schaffen

Dieter Harrsen freut sich über die überwältigende Aufnahmebereitschaft der Nordfriesen. »Ich stelle ein sehr positives gesellschaftliches Klima fest. Es gibt bei uns so gut wie keine Ausländerfeindlichkeit. Alle respektieren die Notlage der Flüchtlinge, und ich spüre bei sehr vielen eine hohe Bereitschaft, sich an der Riesenaufgabe der langfristigen Integration zu
beteiligen.«

Harrsen plädiert für die Einführung eines Rechtsanspruches auf Deutschkurse für Migranten. »Der Anspruch muss aber von Bund und Land auch finanziell unterfüttert werden. Es nützt nichts, wenn die Lehrkräfte von Sprachkursen weiterhin so miserabel bezahlt werden, dass keiner davon leben kann.«

Ansprechpartner vor Ort

Bürger, die sich vor Ort ehrenamtlich für die Integration von Flüchtlingen engagieren möchten, erreichen die hauptamtlichen Asylbetreuer unter folgenden Telefon-Nummern:
Sylt: Tina Haltermann, Tel. 0152 33841747
Föhr-Amrum: Marco Christiansen Föhr Amrum, Tel. 04681 5004851
Südtondern: Hilke Lehmann, Tel. 04661 601540
Mittleres NF: Carina Neumann, Tel. 04671 919228
Pellworm, Viöl, Husum und Umland, Friedrichstadt: Urte Andresen, Tel. 04841 8038477
Eiderstedt: Rebecca Mansel, Tel. 04861 6175712