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Foto: Bernd Höfer, Breklum

Kreishaus in der Marktstraße in Husum

11.06.2014

Hartz IV in Nordfriesland: Die Strategie der passgenauen Vermittlung bewährt sich

Landrat Dieter Harrsen macht einen zufriedenen Eindruck. Kein Wunder: Das Jobcenter Nordfriesland hat im letzten Jahr 1.784 und damit rund elf Prozent mehr Menschen in Lohn und Brot vermittelt als im Jahr 2012. Einige der sieben Sozialzentren im Kreisgebiet konnten die Zahl ihrer Langzeit-Leistungsbezieher sogar um die Hälfte senken.

Auch finanziell gelang eine Punktlandung: Ganze 99,7 Prozent der Bundesmittel, die Nordfriesland zur Verfügung stehen, sind 2013 ausgegeben worden – ein Spitzenwert in Deutschland. Üblich sind um die 70 Prozent. Dass die finanziellen Möglichkeiten voll ausgeschöpft werden konnten, führt der Kreis auf organisatorische Veränderungen und eine bessere Kommunikation mit den von den Ämtern und Kommunen betriebenen Sozialzentren zurück.

Insgesamt geht es um rund 50 Millionen Euro. Sie umfassen die Arbeitslosengeld II-Zahlungen an die Langzeitarbeitslosen, die Verwaltungskosten und die Eingliederungsmittel wie etwa Qualifizierungsmaßnahmen. »Gerade in diesen Bereich investieren wir viel Geld«, berichtet der Chef des Jobcenters NF, Axel Scholz aus dem Fachbereich Arbeit der Husumer Kreisverwaltung.

Konzentration auf die Stärken

Die 2013 erfolgreichste Qualifizierungsmaßnahme heißt »Jobtraining«. Sie dauert grundsätzlich vier Wochen und umfasst eine breite Themenpalette wie die Anfertigung von überzeugenden Bewerbungsunterlagen, richtigem Auftreten in Bewerbungsgesprächen, aber auch die Vermittlung in Praktika.

Die Durchführung von Qualifizierungsmaßnahmen schreibt der Kreis öffentlich aus. Dabei legt er größten Wert auf die Orientierung an den Ressourcen der Klienten. Axel Scholz erläutert, was dahinter steckt: »Wir konzentrieren uns nicht darauf, was unsere Klienten nicht können, sondern darauf, was sie können. Und das ist meist meistens eine ganze Menge. In dem wir ihnen ihre Stärken bewusst machen, heben wir auch ihr Selbstbewusstsein. In Kombination mit fachlicher Weiterbildung ist das oft ausschlaggebend für die Frage, welche Chancen jemand auf dem Arbeitsmarkt hat.«

Sozialer Arbeitsmarkt kommt

Andere Instrumente der Arbeitsförderung, die früher in aller Munde waren, sind in der Versenkung verschwunden. So gab es in Nordfriesland 2007 noch 1.000 Zusatzjobs, 2013 waren es magere 57. »Zusatzjobs haben sich auf Bundesebene nicht bewährt. Deshalb hat der Bund die Mittel dafür fast komplett zusammengestrichen«, weiß Axel Scholz.

»Doch eine bessere Alternative ist in Vorbereitung«, blickt Landrat Dieter Harrsen voraus: Die Regierungsparteien in Berlin haben in ihren Koalitionsvertrag die Schaffung eines sozialen Arbeitsmarktes aufgenommen. Gemeinsam mit vielen anderen bundesweit haben sich Harrsen und die Fraktionen des Kreistages vor zwei Jahren für ein solches Instrument eingesetzt. Im nächsten Jahr soll es eingeführt werden. Durch die Bündelung staatlicher Förderungen mit privaten Lohnzahlungen sollen auch sehr arbeitsmarktferne Menschen wieder die Chance bekommen, von ihrer Hände Arbeit leben zu können.

Wenige gut bezahlte Stellen

Ebenso wie der Arbeitsmarkt ist auch die Arbeitsverwaltung und -förderung ständigen Änderungen unterworfen. So gibt der Bund seit 2012 drei Kennzahlen vor, bei denen sich jedes Jobcenter verbessern soll. Zu diesem Zweck schließt es zu Jahresbeginn mit seiner jeweiligen Landesregierung Zielvereinbarungen ab.

Bei der ersten Kennzahl erwartet der Bund eine Senkung der gezahlten Leistungen zum Lebensunterhalt. Weil die vom Bund selbst beschlossenen Erhöhungen der Regelsätze nicht herausgerechnet werden, ist das nur bei sehr guter regionaler Konjunktur zu erreichen. Mit einem Plus von 2,5 Prozent liegt das Jobcenter Nordfriesland sehr nah am Mittelwert auf Bundesebene.

Um dies zu erreichen, haben die Fallmanager und Arbeitsvermittler in den Sozialzentren ein besonderes Augenmerk auf die Empfänger aufstockender Leistungen gelegt: Bei manchen wurden die Arbeitgeber um eine Erhöhung der Arbeitszeit gebeten, um auf die Aufstockungsleistungen verzichten zu können. Bei anderen gelang es, einen Arbeitgeber zu finden, der einen höheren Lohn bot.

Doch insgesamt jedoch gibt es in Nordfriesland wenige freie Stellen, von denen eine Familie leben kann. Deshalb erhalten viele Vermittelte neben ihrem Arbeitslohn weiterhin aufstockende Leistungen, um das Niveau des ALG II zu erreichen. Von der angekündigten Einführung eines Mindestlohnes ab 2015 erwartet der Kreis jedoch eine Entspannung.

Nachhaltige Vermittlung

Bei der zweiten Kennzahl, den Integrationen in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung, haben die Nordfriesen ihr Soll sogar übertroffen: Statt 24,9 konnten sie 26 Prozent ihrer Klienten in Arbeit vermitteln. »Damit liegen wir deutlich über dem Bundesdurchschnitt«, lobt Dieter Harrsen.

Die gute Quote bedeutet indes nicht, dass es in Nordfriesland bald keine Langzeitarbeitslosen mehr geben wird: »Wir verzeichnen einen stetigen Zustrom von Menschen, die die Arbeitsagentur nicht vermitteln konnte, so das sie nach einem Jahr in und unsere Zuständigkeit übergehen«, berichtet Axel Scholz. Dadurch bleibt die Gesamtzahl der Klienten ungefähr gleich.

Daneben gibt es Vermittelte, die ihren Job schnell wieder verlieren. »Diese Quote ist hier allerdings geringer als im Landes- oder Bundesdurchschnitt. Mehr als 61 Prozent der von uns Vermittelten sind sechs Monate später immer noch im Unternehmen – ein deutlicher Beleg für den Erfolg unserer Strategie der passgenauen Vermittlung«, freut sich Axel Scholz.

Jobcenter lernen vom Besten

Bei der dritten Kennzahl schließlich, der Veränderung des Bestandes an Langzeit-Leistungsbeziehern, liegt Nordfriesland knapp unter dem Mittelwert des Bundes.

Die Nürnberger Statistikabteilung der Arbeitsagentur stellt detaillierte Vergleiche zwischen den Jobcentern im Bundesgebiet an. »Ist jemand in einem Teilbereich deutlich besser als wir, fragen wir dort an, um von den Kollegen zu lernen. Umgekehrt helfen wir auch gern anderen, die zum Beispiel gern mehr über unsere Qualifizierungserfolge oder unser ausgefeiltes Controlling erfahren möchten«, berichtet Axel Scholz.

Landrat Dieter Harrsen unterstützt diese offene Haltung: »Trotz des vom Bund gewünschten Wettbewerbs zwischen den Jobcentern darf hier kein Konkurrenzdenken aufkommen: Im Interesse der Bürgerinnen und Bürger haben wir alle die unbedingte Pflicht, uns gegenseitig zu unterstützen – ob wir nun in Bayern wohnen oder in Schleswig-Holstein. Offenheit ist dabei oberstes Gebot.«