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Foto: Bernd Höfer, Breklum

Kreishaus in der Marktstraße in Husum

19.10.2015

Mehr Selbstständigkeit für Menschen mit Behinderungen

Gemeinsam mit der Arbeiterwohlfahrt Schleswig-Holstein gGmbH (AWO) startet der Kreis Nordfriesland ein Pilotprojekt zur Förderung der Selbstständigkeit von Menschen mit psychischer Behinderung.

Unter anderem geht es darum, Wohnraum zur Verfügung zu stellen, sodass Bewohnerinnen und Bewohnern eines AWO-Wohnheims in Bredstedt bei Bedarf der Umzug in eigene Wohnungen ermöglicht werden kann.

Darüber hinaus ersetzen individuell zugeschnittene und in den Sozialraum eingebundene Angebote der Alltagsgestaltung das bisherige Angebot der Tages- und Beschäftigungsstätte Dreessenhof.

»Wohnheime sind sinnvoll, aber niemand sollte gezwungen sein, in einem zu leben. Auch viele Menschen mit Behinderungen streben größtmögliche Selbstständigkeit und Selbstbestimmung an«, erklärte Landrat Dieter Harrsen in einer gemeinsamen Pressekonferenz von Kreis und AWO. »Im Einklang mit den Wünschen der Betroffenen und der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen arbeiten wir auf dieses Ziel hin.«

»Das Interesse ist groß«, berichtet Joachim Wendt-Köhler, der Leiter der AWO-Einrichtungen in Bredstedt. »Unsere Bewohnerinnen und Bewohner wissen zwar die 24-Stunden-Rundumbetreuung in unserem Wohnheim zu schätzen, wünschen sich aber teilweise doch eine größere Freiheit bei der Lebensgestaltung.«

Aus dem Heim in die Wohngemeinschaft

»Mit unseren bisherigen, eher standardisierten Betreuungsangeboten werden wir den Menschen zukünftig kaum mehr gerecht«, ergänzt seine Stellvertreterin, Sabine Ekschmitt, selbstkritisch.

In dem Wohnheim der AWO in der Tondernschen Straße in Bredstedt können insgesamt 27 Bewohnerinnen und Bewohner mit psychischen Behinderungen wie Depressionen, dem Borderline-Syndrom, Psychosen oder Schizophrenie betreut werden.

»Trotzdem wären viele durchaus in der Lage, in einer Wohngemeinschaft zu leben, in der sie grundlegende Dinge selbst organisieren und gestalten müssen«, stellt Christian Grelck fest. Als Leiter des Fachdienstes Recht und Soziales der Husumer Kreisverwaltung hält er den Kontakt zu den Sozialpädagogen des Kreises, die regelmäßig Gespräche mit den Betroffenen und ihren Betreuerinnen und Betreuern führen.

Selbstvertrauen durch eigene Entscheidungen

»Gemeinsam mit den Klientinnen und Klienten werden sogenannte Hilfepläne erstellt, in denen die nächsten staatlichen Hilfen vereinbart werden. Auch die Wohnsituation kommt dabei immer wieder zur Sprache«, erklärt Gelck.

Ausschlaggebend sei dabei der Wille der Betroffenen, die im Sinne der UN-Konvention weitgehend selbst bestimmen, wie sie sich weiterentwickeln wollen und welche Unterstützung sie dabei benötigen. »Diese Herangehensweise ist sehr erfolgreich. Und die Möglichkeit, eigene Entscheidungen zu treffen, wirkt sich auch positiv auf das Selbstvertrauen aus,« sagt Grelck.

Bessere Integration

Der Umzug in kleinere, von der AWO angemietete Wohnungen stellt den nächsten logischen Schritt dar. Kreis und AWO hoffen, dass ihre Klienten Kontakt zu ihren nicht-behinderten Nachbarn knüpfen, in Vereine eintreten und auf diese Weise immer weiter in die Gesellschaft integriert werden.

»Gelingt dies, werden sie mit der Zeit immer selbstständiger und werden weniger auf Betreuung angewiesen sein«, beschreibt Joachim Wendt-Köhler das Ziel des Projektes.

Solange es erforderlich ist, sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der AWO-Einrichtung trotzdem für die Klientinnen und Klienten da: Sie organisieren eine stundenweise Betreuung in den Wohnungen sowie eine Rufbereitschaft, die rund um die Uhr erreichbar ist. Wer psychisch nicht stabil genug ist, um selbst einkaufen zu gehen und zu kochen, der kann weiterhin im Wohnheim essen.

Win-Win-Situation

Für den Kreis hat das Projekt neben der sozialen auch eine finanzielle Dimension: Deutschlandweit steigen die Kosten der Eingliederungshilfe für Erwachsene kontinuierlich an. In Nordfriesland haben sie zwischen 2010 und 2014 von knapp 29 Millionen auf über 35 Millionen Euro pro Jahr zugenommen. 79 Prozent davon erstattet das Land, der Rest geht zu Lasten der Kreiskasse.

»Mit diesem Projekt schaffen wir eine Win-Win-Situation«, betont Landrat Dieter Harrsen: »Die Klienten gewinnen an Lebensqualität, und der Kreis darf auf sinkende oder zumindest stagnierende Betreuungskosten hoffen.«

Psychische Behinderungen steigen an

Trotzdem erwartet die AWO keine wirtschaftlichen Verluste: »Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stehen mit voller Überzeugung hinter dem Projekt. Wir sind zuversichtlich, dass unsere Klientinnen und Klienten dadurch weitere Fortschritte machen und sich persönlich weiterentwickeln werden«, erklärt Joachim Wendt-Köhler.

Da die Zahl der Menschen mit psychischen Erkrankungen oder Behinderungen jedoch von Jahr zu Jahr ansteigt, geht er davon aus, dass die Plätze im Wohnheim nicht lange leer stehen werden. Die durchschnittliche Verweildauer – so die Erwartung – wird sich jedoch kontinuierlich reduzieren.