Integrationspolitik vor 35 Jahren und heute
Im Mai 2015 wurde Peter Martensen zum ersten Integrationsbeauftragten des Kreises Nordfriesland ernannt. Ende Mai 2025 ist er aus dem aktiven Dienst ausgeschieden – Grund genug für einen Rückblick.
Sie haben ab 1987 im Jugendamt des Kreises Nordfriesland und ab 1988 in der Migrationsberatung gearbeitet. Wie war das damals?
Peter Martensen: Das war eine völlig andere Welt. Wir hatten vier Gemeinschafts-Unterkünfte für Asylbewerber im Kreisgebiet. Heute sind alle dezentral untergebracht. Direkt nach der Maueröffnung im Jahr 1990 kamen vor allem Rumänen und Polen zu uns. Diese Länder gehörten damals ja noch nicht zur EU. Es gab noch keine Eilverfahren, um offensichtlich unbegründete Asylanträge schnell zurückweisen zu können. Wir standen mit vier Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern 1000 Asylbewerberinnen und -bewerbern gegenüber. Trotzdem wurde nicht mehr Personal eingesetzt, weil man davon ausging, dass die Migranten sich nur kurz in Deutschland aufhalten und nach Hause zurückkehren würden, sobald sich dort die Verhältnisse verbessert hätten.
Diese Erwartung hat man heute nicht mehr.
Nein, inzwischen weiß man, dass 80 bis 90 Prozent hier bleiben. Aber auch die Haltung sowohl der Politik als auch der Gesellschaft hat sich stark verändert. Früher wurden Flüchtlinge vor allem als Träger von Defiziten gesehen, die dies nicht können und das nicht können. Inzwischen sehen wir den Integrationsbedarf als normale Lebenslage an und geben den Menschen die Chance, Deutsch zu lernen und sich hier eine Existenz aufzubauen.
Kommen die Migranten denn mit einem solchen Plan hierher?
Viele Akademiker kommen tatsächlich mit einem Lebensplan nach Deutschland, den sie dann auch größtenteils zügig umsetzen. Weniger Qualifizierte, insbesondere Nordafrikaner, kommen vor allem mit dem Ziel, Sicherheit zu finden und ihre zuhause in Armut lebenden Familien zu unterstützen. Deshalb suchen sie sich hier möglichst schnell einen Job, um Geld zu verdienen.
Und klappt das?
Ja, wenn auch mit Ausnahmen. Das sind die tragischen Fälle, die auf der Flucht schreckliche Dinge erlebt haben und unter den psychischen oder physischen Folgen so sehr leiden, dass sie nicht gleich arbeiten können. Aber die meisten Zuwanderer bei uns wollen arbeiten und tun das auch.
Unser Arbeitsmarkt benötigt ja nicht nur Fachkräfte, sondern auch ungelernte Arbeitskräfte.
Genau. Es hat aber auch Nachteile, wenn jemand sich ohne Sprachkurs gleich in die Arbeit stürzt und abends kaum noch Zeit und Energie hat, richtig Deutsch zu lernen. Das begünstigt die Bildung einer Parallelgesellschaft. Bei uns im ländlichen Raum sind die absoluten Zahlen ja nicht sehr hoch, so dass es im Alltag nicht so auffällt, wenn diese Menschen sich nur langsam integrieren. Trotzdem freue ich mich über jedes Begegnungsprojekt, in dem auch solche Migranten mit Einheimischen zusammenkommen. Dabei können sich Beziehungen entwickeln, die eine Grundlage für eine bessere Integration in die Gesellschaft darstellen.
Zahlen Bund und Länder den Kreisen nicht sogar Zuschüsse für diesen Zweck?
Doch, zum einen finanziert das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge Sprachkurse, zum anderen geben Bund und Land uns Mittel für die Unterbringung, Begleitung und (Erst)-Integration von Flüchtlingen in den Kommunen. Wir leiten sie direkt an die Ämter im Kreisgebiet weiter.
Gibt es gerade auf Ebene der Ämter und Gemeinden nicht auch ein erhebliches, ehrenamtliches Engagement aus der Bevölkerung heraus?
Das entsteht mit jeder größeren Migrationswelle wieder aufs Neue, zuletzt 2022. Danach bröckelt es aber auch oft wieder ab. Wichtig ist, dass das Ehrenamt dauerhafte Ansprechpartner im Hauptamt benötigt, die die Freiwilligen beraten, ein bisschen lenken und Maßnahmen koordinieren.
Aber das funktioniert nicht?
An vielen Stellen in Nordfriesland schon, aber leider nicht überall. Manchmal würde ich mir seitens der hauptamtlich Tätigen ein wenig mehr Fingerspitzengefühl im Umgang mit dem Ehrenamt wünschen. Ich kenne Menschen, die sich mit großem Enthusiasmus und Erfolg ehrenamtlich eingebracht und sich inzwischen trotzdem wieder zurückgezogen haben, weil sie sich alleingelassen fühlten. Zudem setzt eine erfolgreiche Integration einen längerfristigen Kontakt mit den Migranten voraus. Ob haupt- oder ehrenamtlich – man muss ihnen die Funktionsweise von Staat und Gesellschaft erklären, den Erwachsenen Jobs vermitteln, den Kindern bei den Hausaufgaben helfen beziehungsweise eine Hilfe organisieren und so weiter. Das dauert. Da gibt es viele Erfolgsgeschichten, aber auch diverse, bei denen es leider nicht geklappt hat, weil die Migrantinnen und Migranten praktisch ohne Kontakt zur einheimischen Bevölkerung bleiben.
Neuankömmlinge warten zur Zeit etwa sechs Monate auf einen Sprachkurs.
Ja, und das ist in Ordnung. Wenn sie danach Arbeit finden, sind sie auf einem guten Weg, sich zu integrieren. Am Arbeitsplatz ergeben sich automatisch Kontakte zu den Kolleginnen und Kollegen, und die Sprachkenntnisse werden automatisch besser. Wer aber keine Arbeit findet, hat meistens auch keinen Kontakt zu Einheimischen und verlernt das im Sprachkurs Gelernte relativ schnell wieder.
Deshalb hat der Kreis das Projekt »Integration Point« ins Leben gerufen.
Dort werden berufsbezogene Sprachkenntnisse gelehrt und vertieft und Jobs vermittelt, bei denen darauf geachtet wird, dass sie wirklich gut zu der jeweiligen Person passen. Das ist ein echtes Erfolgsmodell.
Deutschland ist OECD-weit das Land mit den meisten Sprachkursen für Migranten.
Das stimmt. Eine gute Integrationspolitik sollte meiner Erfahrung nach aber auch einen erheblichen Anteil von »Fördern und fordern« enthalten. Wir müssen Migranten die Chance geben, an der Gesellschaft teilzuhaben, aber dann auch an ihre Selbstverantwortung appellieren. Wer in Deutschland ein eigenständiges, zufriedenes Leben führen will, benötigt Deutschkenntnisse und eine Berufsausbildung. Lebenslanges Jobben zu geringen Löhnen kann hier nicht das Mittel der Wahl sein.
Ist Nordfriesland in dieser Hinsicht gut aufgestellt?
Großenteils ja, die Strukturen sind durchaus vorhanden. Wir haben die Asylfachstellen in den Ämtern. Wir haben die Migrationsberatung an mehreren zentralen Orten, und wir haben immer wieder sehr gute Programme des Jobcenters Nordfriesland, mit denen Migranten in Arbeit gebracht werden.
Früher fürchteten viele, dass Ausländer den Deutschen die Arbeitsplätze wegnehmen.
Davon kann heutzutage nicht mehr die Rede sein. Der Arbeitsmarkt saugt fast alle auf, die arbeiten können und wollen. Wenn erst einmal ein gewisses Sprachniveau erreicht ist, beginnen viele eine Berufsausbildung und werden so mittelfristig zu den Facharbeitern, die wir dringend benötigen.
Welche Entwicklungen machen Ihnen am meisten Hoffnung?
Hoffnung macht mir unsere gute Beratungsinfrastruktur. Hoffnung macht mir, dass der Kreis Nordfriesland sich zu seiner Verantwortung bekennt und eigene Integrationsprojekte finanziert. Hoffnung macht mir aber vor allem, dass die große Mehrheit der Migranten arbeiten und sich integrieren will.
Gilt das für Männer und Frauen gleichermaßen?
Das ist ein schwieriges Thema. Viele Migranten kommen aus patriarchalen Strukturen, in denen die Männer arbeiten und die Frauen sich um den Haushalt und die Kinder kümmern. Diesen Müttern bleibt wenig Gelegenheit, nebenbei Deutsch zu lernen. Bei ihren Kindern sieht es schon ganz anders aus: Wenn sie hier zur Schule gehen und praktisch mit deutschen Kindern zusammen aufwachsen, klappt es auch mit der Integration. Aber das ist in allen Einwanderungsgesellschaften so, dass die zweite Generation stärker mit der Mehrheitsgesellschaft verschmilzt und dann auch deren Werte und Normen übernimmt.
Sie haben in ihrer Dienstzeit vieles bewegt. Wird Ihnen die Arbeit nicht fehlen?
Ich hoffe nicht. Alles hat seine Zeit, und ich freue mich auf eine Zeit mit weniger Aufgaben und weniger Druck. Außerdem habe ich mit Inken Jessen eine engagierte Nachfolgerin, die meine Arbeit nahtlos fortsetzen und auch ganz neue eigene Akzente setzen wird.
