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Foto: Bernd Höfer, Breklum

Kreishaus in der Marktstraße in Husum

08.02.2016

Viele Flüchtlinge sind bis in die Haarspitzen zum Arbeiten motiviert

Um ihren Lebensunterhalt zu sichern, erhalten Flüchtlinge in Deutschland monatliche Zahlungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz. Ihre Höhe entspricht 90 Prozent der Arbeitslosengeld II (ALG II)- Sätze. Nach erfolgreich durchlaufenem Asylverfahren haben sie wie Langzeitarbeitslose einen Anspruch auf ALG II – und die Chance, sich eine Existenz in Deutschland aufzubauen.

»Noch besser wäre es allerdings, wenn sie schon vor dem Ende des Verfahrens einen Arbeitsplatz hätten«, erklärt Landrat Dieter Harrsen.

Um dies zu erreichen, hat der Kreis Nordfriesland sich um Fördermittel aus dem Projekt »Mehr Land in Sicht – Arbeit für Flüchtlinge in Schleswig Holstein« beworben und den Zuschlag erhalten.

Flüchtlinge wollen Familien ihre unterstützen

Das Projekt wurde im Fachdienst »Arbeitsmarkt und Integration« der Kreisverwaltung angesiedelt. Lars Treptow heißt der Mann, der es umsetzt.

Seit dem 1. Dezember 2015 führt er im Husumer Kreishaus Gespräche mit Flüchtlingen, um sie in den Arbeitsmarkt zu integrieren. »Meine Klienten sind bis in die Haarspitzen motiviert. Einige Frauen sind dabei, doch bei den meisten handelt es sich um Männer bis 35 Jahre. Sie lernen schnell deutsch und wollen unbedingt arbeiten, um ihre zurückgebliebenen Familien unterstützen zu können«, stellt Treptow fest.

Ausbildungsabschlüsse anerkennen

Seine Klienten werden von der Migrationssozialberatung des Kreises oder den Sozialzentren an ihn weitergeleitet. Treptow füllt mit ihnen einen englischsprachigen Fragebogen mit den wichtigsten Daten aus: Name, Alter, Ausbildung, Beruf, Lebenslauf.

Regelmäßig zieht er das vom Bund ins Leben gerufene »IQ Netzwerk« hinzu, das wöchentliche Sprechstunden in Husum anbietet. Dort arbeiten Fachfrauen, die sich um die Anerkennung ausländischer Ausbildungs- und Berufsabschlüsse kümmern.

Die Sprachbarriere bremst

Trotzdem ist es kaum denkbar, dass etwa ein Syrer seine in der Heimat erfolgreiche Berufstätigkeit nahtlos in Deutschland fortsetzt. Zu groß ist anfangs die sprachliche Hürde, zu unterschiedlich sind die Arbeitsweisen.

»Wir haben es hier eher mit den Fachkräften von übermorgen zu tun. Viele Arbeitgeber sind durchaus interessiert, aber ohne einen Grundstock an Deutschkenntnissen und eine fachliche Weiterqualifikation läuft nichts«, betont Treptow.

Kontakt mit Arbeitgebern

Für den Anfang setzt er deshalb auf Sprachkurse und Praktika, die bis zu drei Monate dauern können. Daneben sucht Lars Treptow den direkten Kontakt mit Arbeitgebern. Sein Ziel ist es, Flüchtlinge und Arbeitgeber zusammenzuführen.

Zu diesem Zweck betreibt er eine intensive Öffentlichkeitsarbeit, stellt sich und seine Aufgaben bei Unternehmer-Veranstaltungen vor und plant einen Besuch der Hotel- und Gaststättenmesse in Husum.

»Ich hoffe, dass sich möglichst viele Arbeitgeber melden«, erklärt Treptows Chef, Axel Scholz. Er leitet das Jobcenter in der Kreisverwaltung. »Meine Idealvorstellung wäre es, zumindest arbeitsmarktnahe Flüchtlinge in Lohn und Brot zu bringen, bevor ihr Asylverfahren endet.«

Kooperation mit Sozialzentren

Klappt das nicht, wird Lars Treptow seine Unterlagen über die Qualifikation der Migranten an die Personalvermittler in den Jobcentern der Sozialzentren abgeben. Sie kümmern sich um die Arbeitsvermittlung nach Ende des Asylverfahrens, soweit die Flüchtlinge eine Aufenthaltserlaubnis und somit Arbeitslosengeld II-Leistungen erhalten.

»Aufgrund der Flüchtlingswelle dauern diese Verfahren momentan viel länger als früher. Da Herr Treptow sich nicht um jeden kümmern kann und das Jobcenter erst nach Ende des Verfahrens tätig werden darf, entstehen für etliche Flüchtlinge kaum erträgliche Zeiten erzwungener Untätigkeit«, kritisiert Landrat Dieter Harrsen. »Deshalb fordere ich das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge nachdrücklich auf, das Asylverfahren wieder deutlich zu beschleunigen.«

Dauerhafte Perspektive wichtig

 Angesichts des demographischen Wandels hofft Harrsen, dass viele Flüchtlinge sich in Nordfriesland eine Existenz aufbauen und dauerhaft bleiben. »Es ist absolut kontraproduktiv, wenn die Bundesebene jetzt das Signal aussendet, alle Flüchtlinge müssten in ihre Herkunftsländer zurückkehren, falls die Bürgerkriege dort irgendwann mal enden. Integration bedeutet, den Menschen eine Perspektive zu bieten und nicht, sie viele Jahre lang im Ungewissen zu lassen«, erläutert Harrsen.

Wer Einkommen erzielt, hat bessere Chancen

 Eine Möglichkeit bleibt allerdings selbst abgelehnten Asylbewerbern, die zum Beispiel aufgrund der Verhältnisse in ihrem Heimatland in Deutschland geduldet werden: Durchlaufen sie eine Ausbildung und suchen sich einen Job, von dem sie leben können, besteht Aussicht auf eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis.

Über das Netzwerk »Mehr Land in Sicht!«

 Das Netzwerk »Mehr Land in Sicht!« wird vom Paritätischen Schleswig-Holstein und dem Flüchtlingsrat Schleswig-Holstein e.V. koordiniert und durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales sowie den Europäischen Sozialfonds gefördert. Das nordfriesische ist eines von insgesamt sechs Projekten des Netzwerks im »echten Norden«.