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Foto: Bernd Höfer, Breklum

Kreishaus in der Marktstraße in Husum

30.07.2019

Der ÖPNV in Nordfriesland wird ab dem 1. August deutlich attraktiver

Modernere Fahrzeuge, zusätzliche Fahrten bis in die kleinsten Gemeinden, bessere Vertaktung und Verknüpfung zwischen Bus, Bahn und Fähre, Schüler-Tickets auch in den Ferien – ab dem 1. August 2019 wird das Busfahren im Festlandsgebiet des Kreises Nordfriesland deutlich attraktiver als bisher. »Jahrelang haben wir auf diesen Tag hingearbeitet. Nun ist es endlich soweit«, freut sich Landrat Dieter Harrsen. Am 29. Juli stellte er die zahlreichen Neuerungen gemeinsam mit den beteiligten Verkehrsunternehmen in einer Pressekonferenz im Husumer Kreishaus vor.

Drei Netze (Nord, Mitte, Süd) und zwei Ortsverkehre

»Wir haben die Verkehrsleistungen in unseren drei in Netzen Nord, Mitte und Süd EU-weit ausgeschrieben«, erklärt der Landrat. Am Ende des Verfahrens wurden die Netze Nord und Süd an die Autokraft GmbH vergeben, das Netz Mitte ging an die in Husum ansässige Rohde Verkehrsbetriebe GmbH.

In Nordfriesland gibt es zwei Orte mit eigenem Verkehrsangebot: die Stadt Husum und die Gemeinde Bad St. Peter-Ording. Beide hatten sich in die Ausschreibung des Kreises eingeklinkt, um gleichzeitig auch ihren Stadt- beziehungsweise Ortsverkehr auszuschreiben. Beide Aufträge erhielt die Autokraft GmbH. Der ÖPNV auf den nordfriesischen Inseln mit ihren ganz individuellen Anforderungen wurde bereits in den letzten Jahren neu geordnet.

Vier Netz-Ebenen: 0, 1, 2, 3

Der ÖPNV im Festlandsbereich des Kreises ist in vier Netz-Ebenen unterteilt: die Ebene 0 umfasst die Ortsverkehre Husum und St. Peter-Ording, die Ebene 1 beinhaltet alle Bahnlinien sowie die Buslinie Niebüll-Flensburg. Die Ebene 2 verbindet zentrale Orte und Versorgungszentren miteinander: Sie umfasst die Linien R 14 Husum-Flensburg, R 110 Niebüll-Süderlügum-Neukirchen-Klanxbüll, R 112 Ladelund-Leck (überwiegend durch den Bürgerbus Ladelund abgedeckt), R 120 Husum-Bredstedt, R 125 Bredstedt-Flensburg, R 140 Husum-Nordstrand, R 145 Husum-Ostenfeld sowie R 149 Husum-Schwabstedt.

In den Netz-Ebenen 1 und 2 verkehren die Linien in der Bedienzeit mindestens im Zwei-Stunden-Takt. Das gilt auch in den Ferien und am Wochenende.

Die Linien die Netz-Ebene 3 umfassten bisher insbesondere die Schülerbeförderung. Sie bildet auch weiterhin das Rückgrat des öffentlichen Personennahverkehrs. Fahrzeiten und -ziele orientieren sich am Bedarf der Schulen und beziehen aufgrund der inzwischen weit verbreiteten Angebote der Ganztagsschulen vielerorts auch den Nachmittag ein. »Wir sprechen hier von mehreren hundert Fahrten am Tag, die allen Menschen offenstehen, auch wenn sie nicht zur Schule gehen. Der Schülerverkehr ist Teil des ganz normalen Linienverkehrs«, betont Dieter Harrsen.

Vereinzelte, seit Jahren kaum genutzte Fahrten der Ebene 3 fallen zwar ab dem 1. August weg. Sie werden jedoch mehr als kompensiert durch das neue Rufbus-Angebot, das ebenfalls zur Ebene 3 gerechnet wird. Es deckt alle Gemeinden ab, die nicht über die Ebenen 0, 1 und 2 angebunden sind.

Neues Angebot: der Rufbus

Im Kreis werden auf dem Festland flächendeckend 18 Rufbusgebiete eingerichtet, die jeweils »ihren« Rufbus bekommen. Anne-Kathrin Marggraf, die ÖPNV-Fachfrau der Verwaltung, hat gemeinsam mit ihren Kollegen und dem Planungsbüro Pakora.net und den Verkehrsunternehmen zahlreiche Veranstaltungen durchgeführt, um Informationen über die Funktionsweise des neuen Rufbus-Angebotes in die Fläche zu bringen. Zusätzlich nahmen sie etliche Vorschläge für einzurichtende Rufbus-Haltestellen mit. Bisher wurden mehr als 1.000 der bestehenden Haltstellen als Rufbus-Haltestellen eingeplant, rund 120 neue sind in Vorbereitung.

»Der Rufbus fährt nach einem Zeitplan, hält nur an ausgeschilderten Bushaltestellen und kostet so viel wie eine Bustour. Doch er fährt nur, wenn Fahrgäste sich spätestens 90 Minuten vor der Abfahrtszeit telefonisch bei der entsprechenden Rufbus-Zentrale anmelden«, erläutert sie.

Der auf der Halbinsel Eiderstedt bereits seit 2017 bewährte und immer beliebtere Rufbus wird bald auch in den anderen Netz-Bereichen zu einem vertrauten Anblick werden. »Wir rechnen mit Mehrausgaben, weil wir wesentlich mehr Fahrten anbieten als bisher und weil die Rufbusse ohne Ausnahme täglich fahren: in den Schulzeiten, in den Ferien und am Wochenende. Meldet sich jedoch niemand an, bleibt der Bus im Depot, und die Fahrt findet nicht statt. Das ist praktizierter Klimaschutz«, erklärt Anne-Kathrin Marggraf.

Der Rufbus verbindet kleine Gemeinden besser als bisher mit dem nächstgelegenen größeren Ort. So wird es einfacher, auch aus abgelegenen Ortschaften etwa alle zwei Stunden zum Einkaufen, zum Arzt, zu einer Veranstaltung oder zu einem weiterführenden Bahn- oder Bus-Anschluss zu gelangen.

In den ersten Monaten werden noch nicht alle Rufbusse barrierefrei ausgestattet sein. Bis es soweit ist, setzen die Verkehrsunternehmen als Zwischenlösung barrierefreie Alternativen ein, wenn Menschen beispielsweise mit Rollstuhl oder Rollator sich für eine Rufbus-Fahrt anmelden.

Die Fahrpläne der Rufbusse sind auf die der anderen Netze abgestimmt, damit beim Umsteigen keine langen Wartezeiten entstehen. Aus finanziellen Gründen kann der Rufbus nicht rund um die Uhr fahren, sondern endet, wie die meisten Busse auf den Hauptlinien, gegen 19 Uhr.

»Dieses System bietet den Passagieren enorme Vorteile und bringt den ländlichen Raum einen erheblichen Schritt voran«, betont Landrat Dieter Harrsen. »Wir fahren fast zwei Millionen Kilometer pro Jahr mehr. Auch die kleineren Landgemeinden bleiben so als Wohnstandorte für Einwohner jeden Alters attraktiv. Ich gehe davon aus, dass die sogenannte Landflucht dadurch zumindest etwas zurückgehen wird.«

Um eine mögliche Überlastung des Systems zu vermeiden, kann der Kreis Schülerkarten der Schulträger zumindest am Anfang noch nicht im Rufbusverkehr anerkennen. »Wir müssen erst einmal Erfahrungen mit dem Rufbus machen und auswerten«, erklärt Anne-Kathrin Marggraf. Je nach Ergebnis könne zu einem späteren Zeitpunkt geprüft werden, welche weiteren Möglichkeiten es für Schüler gibt, den Rufbus zu nutzen.

Regional verwurzelte Unternehmen und Busfahrer

Die an die beiden Unternehmen vergebenen Aufträge haben eine Laufzeit von zehn Jahren. Der Kreis hatte es den Gewinnern der Ausschreibung zur Auflage gemacht, das Personal der Vorgänger-Unternehmen zu gleichen Konditionen zu übernehmen.

Dr. Arne Schneemann, Vorsitzender der Regionalleitung DB Regio Bus Nord: »Es freut mich, dass wir mit dem Gewinn dieser Ausschreibung unseren Bestandsverkehr sichern und sogar ausweiten konnten. Unseren Fahrgästen werden wir wie gewohnt eine hohe Qualität mit modernen Fahrzeugen, gut ausgebildeten Fahrern und einem verlässlichen Fahrplan bieten.«

Die Verkehrsbetriebe Rohde bringen 15 eigene, qualifizierte Busfahrerinnen und -fahrer ein. »Zusätzlich konnten wir elf Arbeitnehmer vom Altbetreiber übernehmen. Es freut uns, dass wir so auch einen Beitrag für die lokale Wirtschaft und den hiesigen Arbeitsmarkt leisten und unseren Mitarbeitenden langfristige Jobperspektiven bieten können. Insgesamt haben wir derzeit über zwei Dutzend Busfahrerinnen und -fahrer aus der Region angestellt, die über die notwendige Ortskenntnis verfügen«, unterstreichen Jan Cyrullies und Elfi Lang aus der Rohde-Geschäftsführung.

Barrierefreiheit in den Bussen

Außerdem forderte der Kreis, dass mehr als 75 Prozent aller Busse ab dem 1. August barrierefrei sein müssen. Bis Anfang 2022 soll dies für alle eingesetzten Busse gelten. Das bedeutet hohe Investitionen für die Unternehmen, doch gehen alle Beteiligten davon aus, dass es sich insgesamt lohnt: Alles, was den ÖPNV attraktiver macht, wird sich langfristig positiv auswirken. Auf den Hauptlinien und in den Rufbussen wird es ein freies WLAN in den Bussen geben; die Fahrzeuge auf den Hauptlinien werden zudem alle mit Klimaanlagen ausgerüstet sein.

Aufgrund der knappen Zeit zum Betriebsstart und weil die Bus-Produzenten zurzeit volle Auftragsbücher und damit kaum freie Kapazitäten haben, konnten noch nicht alle bestellten Busse ausgeliefert werden. Die Wartezeit beträgt momentan bis zu einem Jahr und damit vier bis sechs Monate länger als gewohnt. Kreis und Verkehrsunternehmen haben sich darauf verständigt, übergangsweise andere Fahrzeuge einzusetzen, die ebenfalls eine gute Qualität aufweisen. Sie gehen davon aus, dass die 75-Prozent-Vorgabe ab Anfang 2020 erreicht wird.

Landesweite ÖPNV-Vernetzung

Seit fast 30 Jahren arbeiten die schleswig-holsteinischen Landesregierungen auf landesweite Abstimmungen und Verbesserungen im ÖPNV hin. Eigens zu diesem Zweck wurde vor rund 20 Jahren der landesweite Nahverkehrsverbund NAH.SH gegründet. Er hat den Kreis Nordfriesland vor, während und nach der Ausschreibungsphase intensiv beraten und begleitet. »Ich freue mich, dass es hier im Nordwesten des Landes gelungen ist, einen sehr attraktiven und vertakteten Fahrplan auf die Beine zu stellen«, lobt NAH.SH-Geschäftsführer Bernhard Wewers. »Nordfriesland ist einer der ersten Kreise, in denen viele Busse noch in diesem Jahr in dem neuen Design fahren werden. Mittelfristig wird es in ganz Schleswig-Holstein immer öfter zu sehen sein. Auch die Fahrpreise entsprechen den landesweit geltenden Sätzen.«

Als nordfriesische Spezialität hebt Wewers hervor, dass die Buslinien nicht nur untereinander und mit den Bahnverkehren, sondern auch mit den Fährlinien verknüpft worden sind, um Wartezeiten zu vermeiden.

Landrat Dieter Harrsen dankt Wewers und seinem Team für die kompetente Begleitung: »Für Kreise, die so etwas ja nur alle zehn Jahre machen müssen, stellen Ausschreibungen dieser Größenordnung und Komplexität eine gewaltige Herausforderung dar. Für uns war es sehr beruhigend, mit der NAH.SH einen starken Partner an unserer Seite zu haben, der auch auf schwierige Fragen Antworten geben konnte.«

Mobilität ist Teil der Daseinsvorsorge im ländlichen Raum

Landrat Dieter Harrsen wertet das neue ÖPNV-Konzept als einen Höhepunkt seiner Amtszeit. »Mobilität ist einer der wichtigsten Bereiche der Daseinsvorsorge im ländlichen Raum«, unterstreicht er. »Mit den durchgetakteten Busverkehren und insbesondere, weil wir die Fläche mit dem Rufbus besser erschließen als jemals zuvor, kann eine ganze Reihe von Familien zukünftig auf ein zweites Auto verzichten. Das spart ihnen Geld und ist gleichzeitig gut für die Umwelt. Auch Seniorinnen und Senioren werden das neue Angebot schnell zu schätzen lernen«, ist er überzeugt.

Nähere Informationen über die Fahrpläne und eine Liste von Fragen und Antworten zum Rufbus hat der Kreis unter www.nordfriesland.de/busverkehr ins Internet gestellt.

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2 Kommentare zu diesem Artikel

Die Freude ist ganz meinerseits
Denn in der Tat ist der ÖPNV mit seinen neuen Strecken in Husum deutlich attraktiver geworden. Blöd dabei ist nur, dass ich mit der Linie 120 nach Bredstedt muss. Fahrgäste dürfen seit dem 1. August nun auf deutlich unbequemeren Sitzen Platz nehmen, sehen sich gestressten Busfahrerinnen gegenüber und kommen nicht wirklich pünktlich an. Ich gebe die Hoffnung aber nicht auf und bin zuversichtlich, die nächste Fahrplanänderung kommt bestimmt, bis das aber soweit ist, arbeite ich einfach eine Stunde länger, übe mich in Geduld und zeige Verständnis!
Geschrieben am 15. August 2019 um 08:19 Uhr von Guido Kerbsties
Am Klientel vorbei
Ja, es war sicherlich positiv gedacht, aber leider ist das, was in der Realität passiert mal wieder am Klientel vorbei geplant worden... Kein Bus hält mehr in der Innenstadt, was bedeutet, das alte Menschen und Kinder wesentlich weitere Strecken zu Fuss zurück legen müssen um ihren Bus nehmen zu können. Und dann dieser Quatsch mit dem total minimierten Fahrplan des regulären Busses und dem Einsatz vom Rufbus in den Außenbezirken... gerade für viele Senioren schwer umsetzbar und für Kinder.. davon müssen wir wohl kaum reden. Spontanes entfällt gänzlich... Da haben mal wieder mobile Autofahrer etwas geplant, wovon sie gar keine Ahnung haben, weil sie nicht darauf angewiesen sind. Schade eigentlich
Geschrieben am 21. August 2019 um 11:49 Uhr von Susanne Weitz

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