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Foto: Bernd Höfer, Breklum

Kreishaus in der Marktstraße in Husum

31.08.2021

Nordfriesland: Jägerschaft weist auf Gefahr durch Afrikanische Schweinepest hin

Gänse, Wildschweine, Marderhunde und Rotwild gehören zu den Tierarten, die die nordfriesischen Jäger zurzeit am meisten beschäftigen. In einem Pressegespräch mit Landrat Florian Lorenzen am 25. August 2021 berichteten Kreisjägermeister Thomas Carstensen und sein Stellvertreter Manfred Uekermann über aktuelle Entwicklungen.

Schwarzwild

Rund 250.000 Hausschweine leben im Kreisgebiet. »Die Schweinezucht stellt für die regionale Landwirtschaft einen der wichtigsten Erwerbszweige dar. Deshalb blicken wir mit großer Sorge auf die immer näher kommende Afrikanische Schweinepest«, erklärt Thomas Carstensen.

Weil Wildschweine das Virus übertragen können, haben die Jäger ihnen in den letzten Jahren ein stärkeres Augenmerk gewidmet: Betrug die Jagdstrecke im Jagdjahr 2018/19 noch 17, waren es 2020/21 bereits 28 Tiere.

»Unser Veterinäramt hat einen ASP-Krisenplan vorbereitet. Die Jägerinnen und Jäger gehören zu den wichtigsten Partnern darin. Ich bin ihnen sehr dankbar, dass sie schon vorab alles tun, um die Übertragungsmöglichkeiten zu minimieren«, sagt Landrat Florian Lorenzen. Er ist selbst kein Jäger, weiß aber, dass Wildschweine sich gern in Maisfeldern verbergen und viele Jäger ganze Nächte auf ihren Ansitzen verbringen, bevor die Tiere sich ins Freie wagen.

»Schwarzwild hat eine Reproduktionsrate von 250 bis 300 Prozent im Jahr. Durch die kontinuierliche Bejagung können den Bestand und damit die Gefahr der Schweinepest zumindest ein Stück weit verringern«, erläutert Manfred Uekermann.

Rotwild

Während das in Nordfriesland lebende Damwild keine Probleme bereitet, lässt sich dies von der größten hiesigen Hirschart nicht sagen: Immer mehr Rotwild wandert aus Dänemark ein. Es hält sich am liebsten in den kleinen nordfriesischen Wäldern auf, wo es kaum zu bejagen ist. Dort schält es die nährstoffreiche Rinde junger Bäume ab. Viele Bäume insbesondere in den Landesforsten in Südtondern sind dadurch bereits geschädigt oder abgestorben.

Auf Landesebene besteht seit vier Jahren ein Runder Tisch Rotwild, an dem alle betroffenen Gruppen beteiligt sind. Ziel ist, Schleswig-Holstein in »Go-Areas« und »No-Go-Areas« für Rotwild aufzuteilen und die Jagdstrategien dieser Teilung anzupassen.

Wolf

Immer wieder beklagen Landwirte, insbesondere Schafhalter, Verluste ihrer Tiere durch den Wolf. Florian Lorenzen weiß, dass in solchen Fällen immer wieder gefordert wird, den Wolf zu bejagen.

»Aber dafür müssten erst einmal Gesetze auf EU-Ebene geändert werden. Ein Ende dieser Diskussion ist nicht abzusehen. Bis dahin steht der Wolf unter Artenschutz und ist kein jagdbares Wild. Wichtig erscheinen uns daher niederschwellige Entschädigungszahlungen für gerissene Nutztiere ohne hohe bürokratische Hürden«, stellt der Verwaltungschef klar.

Gänse

Seit vielen Jahren fressen Nonnen- und Graugänse Saaten weg und beeinträchtigen die Felder mit ihrem Kot. Landwirte in küstennahen Bereichen verlieren so bis zu einem Viertel ihrer Erträge. Angemessene Entschädigungszahlungen gibt es nicht.

Die Population der seit rund 35 Jahren unter Naturschutz stehenden Nonnengans wird in Westeuropa heute auf 1,2 Millionen Tiere geschätzt. »Und es werden immer mehr, denn sie finden bei uns ideale Brutmöglichkeiten. Aufgrund des Klimawandels bleiben viele inzwischen das ganze Jahr über hier – keine guten Aussichten für die Landwirte«, sagt Thomas Carstensen. Denn nur 50.000 Nonnengänse dürften pro Jahr jagdlich erlegt werden. Diese geringe Zahl sei für die Bestandsregulierung irrelevant.

Somit bleibe den Landwirten nur die Hoffnung, dass das Land doch noch beschließt, ausreichende Entschädigungszahlungen zu leisten.

Hasen und Kaninchen

»Den nordfriesischen Hasen geht es wieder besser, nachdem in den letzten Jahren viele von ihnen Veränderungen des Biotops und Prädatoren zum Opfer gefallen sind. Durch das trockene Frühjahr ist der Bestand in diesem Jahr gewachsen«, erläutert Manfred Uekermann. Ihre Population sei für die Natur verkraftbar, von Schäden sei nichts bekannt.

Anders bei Kaninchen: Aufgrund ihrer hohen Anzahl und ihrer Eigenart, für ihre Baue tiefe Gänge auch in Deichen, Hausgärten und unter Wegen anzulegen, verursachen sie insbesondere in einigen Regionen der nordfriesischen Inseln merkliche Schäden.

Marderhund

Der Marderhund ist ein Einwanderer aus Asien, der in Schleswig-Holstein ideale Lebensbedingungen vorfindet. Ein Weibchen kann zehn Junge im Jahr bekommen. »Vor sieben Jahren kam der Marderhund beispielsweise auf Sylt noch gar nicht vor«, erinnert sich Manfred Uekermann, »und im letzten Jagdjahr haben wir schon 129 Stück erlegt.«

Weil der Marderhund ein Allesfresser ist, fallen ihm zahlreiche Eier und Küken von Bodenbrütern sowie junge Kaninchen und Hasen zum Opfer. »Dadurch verringert er die Artenvielfalt und stört das Gleichgewicht in der Natur. Da er bei uns keine Fressfeinde hat, müssen wir Jäger versuchen, den Bestand des Marderhundes möglichst gering zu halten«, berichtet Uekermann.

Mehr Jungjägerinnen

Dabei helfen immer mehr Frauen: Das Interesse junger Leute am Erwerb des Jagdscheines ist in den letzten Jahren kontinuierlich gewachsen. »Der Frauenanteil hat deutlich zugenommen. Im letzten Kurs lag er bei 40 Prozent, im vorletzten sogar bei 43 Prozent«, freuen sich Carstensen und Uekermann.

»Die meisten Leute kommen aus Liebe zur Natur zu uns, immer mehr legen aber auch Wert auf eine nachhaltige Ernährung. Da ist das Fleisch von Wildtieren eine sehr gute Wahl«, bekräftigt Thomas Carstensen. Im Kreisgebiet gibt es 2.008 Jagdscheininhaber. Der Frauenanteil beträgt 9,4 Prozent.

Waffenrecht

Wer einen Jagdschein hat, besitzt fast immer mindestens eine Waffe und muss deshalb zahlreiche Sicherheitsbestimmungen beachten. »Wohl jeder Jäger – Sportschützen sind gleichermaßen betroffen – sieht ein, dass Waffen registriert und stets gut verschlossen aufbewahrt werden müssen«, sagt Thomas Carstensen.

Heute muss jede Waffe detailliert für die Aufnahme in ein zentrales Waffenregister der EU beschrieben werden: Art, Lauf, Kaliber, Schusszahl – es wird ein großer Aufwand getrieben, obwohl Jagdwaffen so gut wie nie für Straftaten verwendet werden. Für mehr Vertrauen gegenüber der Jägerschaft wäre auch Manfred Uekermann sehr dankbar.

Hundearbeit

Neben der eigentlichen Jagd und Maßnahmen zur Biotoppflege halten zahlreiche Jäger Jagdhunde. »Jagdhunde müssen intensiv ausgebildet werden. Das kostet sehr viel Zeit«, berichtet Thomas Carstensen aus eigener Erfahrung. Jagdhunde kommen auch nach Verkehrsunfällen zum Einsatz: Rund 25 Prozent der in Nordfriesland erlegten Tiere werden Opfer des Straßenverkehrs. Überleben sie, schleppen sie sich mit letzter Kraft so weit wie möglich davon.

»Dann hilft uns ein Hund, das Tier schnell zu finden und von seinen Schmerzen zu erlösen«, sagt Carstensen. Besondere Bedeutung komme den Jagdhunden auch bei der Bekämpfung der Afrikanischen Schweinepest zu, denn an toten Wildschweinen können sich andere Tiere das Virus holen und weitergeben.

Zusammenarbeit mit der Kreisverwaltung

Beide Kreisjägermeister loben die gute Zusammenarbeit mit Landrat Florian Lorenzen und der unteren Jagdbehörde: »Unsere Anliegen stoßen stets auf offene Ohren und werden unbürokratisch bearbeitet«, sagen sie.

Nach einer Corona-bedingten Pause überlegen Kreis und Kreisjägermeister zurzeit, wieder ihre Außensprechstunden anzubieten, die traditionell einmal jährlich in allen Amtsgebäuden im Kreisgebiet stattfinden, auch auf den Inseln. Die dabei am häufigsten in Anspruch genommene Dienstleistung, nämlich die schnelle Verlängerung von Jagdscheinen, ist dabei allerdings nicht mehr möglich: »Jeder einzelne Vorgang muss neuerdings vom Verfassungsschutz geprüft werden. Das dauert Wochen«, berichtet Thomas Carstensen.

Mehr Verantwortung

Bundesweit sterben in jedem Jahr Tausende Rehkitze durch den Einsatz von Mähmaschinen. Viele Landwirte arbeiten mit den örtlichen Jägern zusammen, um die Tiere zu retten. Neben Feuerwehren haben sich auch einige Jagdgenossenschaften für mittlere vierstellige Beträge Drohnen mit Infrarotkameras, Bildschirmen und Fernsteuerungen angeschafft.

So können sie Kitze, die sich im hohen Gras zusammenkauern, rechtzeitig aufspüren und geschützt am Feldrand ablegen, wo sie dann später von den Muttertieren wiedergefunden werden.

Allerdings klappt die Suche nur sehr früh morgens, weil die von den Jungtieren ausgehende Körperwärme nur dann deutlich höher ist als die Umgebung.

»Sobald die Sonne aufgeht, ist es damit vorbei. Niemand steht gern um drei Uhr morgens auf, aber in solchen Fällen helfen wir natürlich gern. Die Landwirte sollten nur rechtzeitig ihre örtlichen Jagdpächter ansprechen«, appelliert Manfred Uekermann.