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Foto: Bernd Höfer, Breklum

Kreishaus in der Marktstraße in Husum

21.06.2023

Warum das Jobcenter Flüchtlinge aus der Ukraine und dem Nahen Osten unterschiedlich behandelt

»Die große Arbeitsmarktreform mit der Einführung des Bürgergeldes haben wir in Nordfriesland gut hinbekommen. Die Zahl der deutschen Langzeitarbeitslosen ist in den letzten Jahren zurückgegangen. Dafür steigt die Zahl der Ausländer, die über das Jobcenter NF versuchen, im nordfriesischen Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Sie teilen sich in zwei Gruppen mit deutlich unterschiedlicher Herangehensweise« – so fasst Landrat Florian Lorenzen die Situation auf dem regionalen Arbeitsmarkt zusammen.

Seit 2005 ist der Kreis Nordfriesland für die Vermittlung der Langzeitarbeitslosen und seit 2022 auch für die der Ukraine-Flüchtlinge in den ersten Arbeitsmarkt zuständig. Das Jobcenter Nordfriesland im Husumer Kreishaus wird von Axel Scholz geleitet. in jedem der sieben übers ganze Kreisgebiet verteilten Sozialzentren befindet sich eine Filiale des Jobcenters. Dort findet die Beratung und Arbeitsvermittlung statt. Die Sozialzentren werden nicht vom Kreis, sondern von den Ämtern, Städten und Gemeinden betrieben. Allein im Jahr 2022 haben sie 930 Klienten in den ersten Arbeitsmarkt vermittelt. Hinzu kommen 739 Personen, die weiterqualifiziert wurden.

Zu Jahresbeginn hat der Bund das Arbeitslosengeld II umbenannt in Bürgergeld und es um 50 auf 502 Euro pro Monat zuzüglich Miete und Heizkosten erhöht. »Für uns im Jobcenter ist allerdings ein anderer Aspekt der Reform viel wichtiger: Wir sind jetzt nicht mehr aufgefordert, die Menschen, die zu uns kommen, sofort in Arbeit zu vermitteln, sondern ein deutlich größeres Augenmerk auf die Bereiche Qualifizierung und Aktivierung zu legen«, erläutert Axel Scholz. Er begrüßt die Reform, weil Mitarbeiter mit einer qualifizierten Ausbildung viel länger im Betrieb bleiben als ungelernte. »Aufgrund des Fachkräftemangels versuchen die Arbeitgeber, gelernte Fachkräfte selbst in schwierigen Zeiten zu halten, solange es geht«, berichtet Scholz.

Im Mai 2022 verzeichnete der Kreis mit nur noch 5.126 Personen den niedrigsten Bestand an erwerbsfähigen Langzeitarbeitslosen seit 2005. Doch ab dem 1. Juni 2022 stieg die Zahl schlagartig um 567. Der Grund: Zu diesem Stichtag nahm der Bund alle geflüchteten Erwerbsfähigen in das Arbeitslosengeld II, das jetzt Bürgergeld heißt, auf. Dadurch stieg der Aufwand für die einzelne Vermittlung in den Jobcentern spürbar an. Schwierig wird es neben den unvermeidlichen Sprachproblemen insbesondere durch die oft langwierige Anerkennung von Berufs- und Schulabschlüssen.

Hinzu kommt ein großer Unterschied zwischen den Verwaltungssystemen: In der Ukraine kennen die Bürger nur ein Amt, bei dem sie fast alle staatlichen Angelegenheiten erledigen können. Personalausweise, Schulanmeldung, Arbeitslosengeld, Arbeitsvermittlung – alles läuft über eine zentrale Stelle. »Das ist bei uns viel komplizierter«, sagt Axel Scholz. Für Geflüchtete sei das deutsche System mit seinen vielfältigen Behördenstrukturen kaum zu durchschauen. Deshalb benötigen sie immer wieder Beratung, Betreuung und Begleitung. Haben sie die jeweils zuständige Stelle gefunden, treffen sie meist auf einen Sachbearbeiter, der neben Deutsch meistens zusätzlich »nur« Englisch spricht. Der Kreis hat Verträge mit Dolmetschern geschlossen, die in Präsenz übersetzen oder zumindest per Video übers Internet zugeschaltet werden können. All dies führt dazu, dass Beratungen oft aufwendiger als bei deutschen Klienten sind.

Auch bei den Ukrainerinnen – die meisten Geflüchteten sind Frauen – stehen insbesondere die fehlenden Deutschkenntnisse einer Arbeitsvermittlung im Weg. Es mangelt an berufsbezogenen Sprachkursen, Trägern und Dozenten. Die Träger, die es gibt, führen Wartelisten. »Vielleicht sind wir in Deutschland auch einfach zu anspruchsvoll. In vielen Fällen kommen wir schon deutlich weiter, sobald die Geflüchteten einfaches Alltagsdeutsch verstehen und sprechen können.

Wenn man am Fließband steht und relativ einfache manuelle Tätigkeiten ausführt, reichen Grundkenntnisse erst einmal aus. Verbesserungen ergeben sich automatisch durch den Kontakt mit Deutschen am Arbeitsplatz«, erklärt Axel Scholz. Wichtig sei es zu Beginn nur, die Tätigkeit und die Sicherheitsbestimmungen zu verstehen.

Die meisten aus der Ukraine Geflüchteten wollen in Deutschland arbeiten und sind auch bereit, Tätigkeiten anzunehmen, die im Heimatland unter ihrer Qualifikation liegen. Die Mehrzahl möchte jedoch nur kurz in Deutschland bleiben und nach Ende des Krieges wieder in die Heimat zurückkehren.

Ganz anders sieht es bei Geflüchteten etwa aus dem Nahen Osten und Afrika aus: Sie wollen dauerhaft bleiben. »Bei ihnen sind Sprachkurse umso wichtiger. Wir versuchen, alle, die dafür infrage kommen, so zu fördern, dass sie eine normale duale Ausbildung absolvieren können«, sagt Axel Scholz. Auch wenn die Geflüchteten dem Arbeitsmarkt dadurch erst einige Jahre später zur Verfügung stehen, lohnt sich die Investition aus arbeitsmarktpolitischer Sicht auf jeden Fall.

»Viele Arbeitgeber machen bereits sehr gute Erfahrungen mit der Ausbildung etwa von Syrern oder Afrikanern. Wer sie als Azubi aufnimmt, leistet einen wichtigen Beitrag zur Abmilderung des überall spürbaren Fachkräftemangels. Und er trägt entscheidend zu einer gelungenen Integration bei«, betont Florian Lorenzen.

Um die Eingliederung in den Arbeitsmarkt zu erleichtern, legen Axel Scholz und sein Team immer wieder neue Fördermaßnahmen auf und beauftragen freie Träger mit der Durchführung. Ein Beispiel ist das Projekt »Frauen-Raum«: Weibliche Flüchtlinge leiden besonders häufig unter posttraumatischen Belastungsstörungen. Durch die traditionellen Frauen- und Familienbilder tragen sie zudem meist die alleinige Verantwortung für die Versorgung der Kinder und des Haushalts. Diese Situation kann dazu führen, dass den Frauen keine Kraft mehr bleibt, sich aktiv um ihre Integration zu bemühen. Dabei sind die Frauen häufig der Schlüssel zur nachhaltigen Integration der gesamten Familie.

Themen von Projekten wie »Frauen-Raum« sind etwa gesellschaftliche Werte wie die Gleichstellung von Männern und Frauen oder die Wichtigkeit von Kindergärten. »Solche Institutionen zur frühkindlichen Betreuung und Bildung, in denen auch die deutsche Sprache vermittelt wird, gibt es in vielen anderen Ländern gar nicht. Gerade Kinder mit Migrationshintergrund sollten sie besuchen, um entscheidende Grundlagen für eine gesellschaftliche Integration zu gewährleisten«, betont Florian Lorenzen.

Er und Axel Scholz sehen die kommunale Arbeitsvermittlung auf einem guten Weg: »Mit unseren maßgeschneiderten Lösungen für regionale Herausforderungen und der sehr guten Zusammenarbeit innerhalb der kommunalen Familie werden wir die bisherige Erfolgsgeschichte des ‚nordfriesischen Weges‘ auch zukünftig fortsetzen«, erklären sie.

Der vollständige Bericht über die Arbeit des Jobcenters Nordfriesland im Jahr 2022 steht unter https://t1p.de/f58r0 zum Herunterladen bereit.